Missverständnis „Achtsamkeit“

Missverständnis

Längst hat es der Begriff „Achtsamkeit“ aus der Esoterikecke der Buchhandlungen in den Bereich der Medizin- und auch in den Bereich der Psychologie geschafft.

Spätestens seit Jon Kabat-Zinn die Mindfullness-Bewegung ins Leben gerufen hat, bzw. als er damit medizinische Erfolge vorweisen konnte, war es um das Schattendasein der Achtsamkeit geschehen.

Was für praktizierende Buddhisten selbstverständlich ist, scheint für die meisten Menschen eine neue Übung, wie Yoga oder Tai-Chi, mit dem Zweck der Entspannung oder der Stressbewältigung zu sein. Lässt doch der Begriff „Achtsamkeitstraining“ eine sportliche oder zumindest spirituelle Übung vermuten. Wie bei jeder Bewegung, der eine gewisse Aufmerksamkeit geschenkt wird, gibt es nach einiger Zeit auch eine Gegenbewegung.
So habe ich vor kurzem einen Artikel gelesen, indem der Achtsamkeit sogar gefährliche Auswirkungen attestiert werden.

Zeit also, mit dem Missverständnis „Achtsamkeit“ einmal aufzuräumen.

Die beste Beschreibung habe ich tatsächlich von Jon Kabat-Zinn gelesen:

„Achtsamkeit bedeutet, auf eine bestimmte Weise aufmerksam zu sein: bewusst, im gegenwärtigen Augenblick und ohne zu urteilen. Diese Art der Aufmerksamkeit steigert das Gewahrsein und fördert die Klarheit sowie die Fähigkeit, die Realität des gegenwärtigen Augenblicks zu akzeptieren.
Sie macht uns die Tatsache bewusst, dass unser Leben aus einer Folge von Augenblicken besteht. Wenn wir in vielen dieser Augenblicke nicht völlig gegenwärtig sind, so übersehen wir nicht nur das, was in unserem Leben am wertvollsten ist, sondern wir erkennen auch nicht den Reichtum und die Tiefe unserer Möglichkeiten zu wachsen und uns zu verändern.“

Die Aufmerksamkeit wird meist nicht in Frage gestellt, jedoch nicht zu urteilen oder nicht zu bewerten, scheint häufig zu Missverständnissen zu führen.

Wir sind es von Kindesbeinen an gewohnt, Dinge die in unser Bewusstsein treten zu bewerten. Dies geschieht völlig automatisch und ohne unser aktives Zutun. Es entsteht ein Konflikt, denn häufig lehnen wir den derzeitigen Augenblick ab. Dies ist völlig sinnlos, denn der Augenblick ist wie er eben gerade ist, ob wir damit einverstanden sind oder nicht. Akzeptanz bedeutet keineswegs, dass daraus kein Handeln entstehen kann,
sondern lediglich, das wir den Moment so wie er gerade ist annehmen und keinen gedanklichen Widerstand leisten.
Aus dieser unverzerrten Wahrnehmung heraus, können wir ein intelligentes Handeln entstehen lassen.

Die Kritik, die der Achtsamkeit bezüglich Akzeptanz entgegengebracht wird, ist also völlig unbegründet, denn Akzeptanz führt eben nicht automatisch dazu, dass daraus kein der Situation angebrachtes Handeln entstehen kann.

Eine weiterer Kritikpunkt ist, das Arbeitgeber durch Achtsamkeitskurse ihre Mitarbeiter resistenter gegen Stress machen wollen und somit auch deren Produktivität steigern möchten. Dieser Ansatz ist meiner Meinung nach nicht verwerflich, da es grundsätzlich der Gesundheit der Menschen dient, ob nun in der Arbeit oder in der Freizeit. Es dürfte sich hierbei also um eine sog. Win-Win Situation handeln.

Den Beitrag möchte ich nochmals mit folgenden Worten von Jon Kabat-Zinn ergänzen:
„Das wichtigste Ziel der Achtsamkeitspraxis ist, mit sich selbst in Kontakt zu kommen.“

Durch das Beobachten und die Aufmerksamkeit, die wir dem gegenwärtigen Moment entgegenbringen, treten wir mit der Realität in Kontakt. Wir kommen mit unserem „Selbst“ in Kontakt. Wir erkennen „Was ist“. Dieses Eintreten in das „So sein“, lässt uns mit der Zeit die Dinge erkennen, wie sie wirklich sind. Dies führt nach längerer Praxis zu Gelassenheit und Mitgefühl für alle fühlenden Wesen.

Auch die Wissenschaft attestiert der Achtsamkeit bedeutende gesundheitsfördernde Wirkungen. So wurde festgestellt, das eine längere Meditationspraxis nachhaltig das Gehirn verändert.
Man spricht dabei von Neuroplastizität. Demnach ist das Gehirn von Meditierenden besser in der Lage, auf Veränderungen zu reagieren.

Auch in der Psychotherapie wurde Achtsamkeit als eine Möglichkeit erkannt, besser mit Emotionen und dem Gefühlserleben umgehen zu können.

Wenn wir zusätzlich davon ausgehen, das Achtsamkeit unsere natürliche Art ist Uns und unsere Umwelt wahrzunehmen, völlig präsent jedem Augenblick zu begegnen und wir es lediglich nicht anders gewohnt sind, als ständig gedankenversunken durchs Leben oder besser gesagt am Leben vorbei zu gehen, spätestens dann, sollte jegliche Kritik die der Achtsamkeit entgegengebracht wird haltlos erscheinen.